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Veröffentlichungen

Rainer titelwebgross

Rainer Pervöltz
Über die Köstlichkeit der Distanz
Märchenalmanach aus der Therapie und dem Alltag
holotropos, 2009
ISBN 978-3-9812119-3-1


"Wenn einer nicht daran glauben kann, dass sein Leben als Film mit einer Aussage gedacht ist, dann sollte er trotzdem ein Drehbuch erfinden. Ein Drehbuch ist so unvergleichlich anziehender als eine lose Abfolge von Situationen ohne Zusammenhang. Wer könnte das schon beweisen, ich meine, wirklich beweisen, dass ein Leben nur einfach so absichtslos abrollt, ohne Ziel, ohne alles? Und wenn's keiner nachweisen kann, dann steht's doch mindestens fifty-fifty, oder? Na, und warum dann die langweilige Version wählen?"

Rainer Pervöltz führt den Leser in lustvoll phantasiereicher Weise auf den Weg der Selbstwahrnehmung: von den oft verirrten und hilflosen inneren Stadien des Kindseins bis hin zum Erkennen eines eigenständig erwachsenen Ichs. Immer wieder geht es um das persönliche Drehbuch und gleichzeitig um die Distanz dazu. Durch die einzelnen Kapitel hindurch gewinnt die paradoxe und gesellschaftlich nicht selten verpönte Qualität der Distanz immer mehr Leuchtkraft: als notwendige Voraussetzung zur Beziehungsfähigkeit genauso wie als wesentlicher Schritt zur spirituellen Verwirklichung.
Der Autor erzählt in Episoden aus den Drehbüchern verschiedenster Menschen und - was mitunter ungewöhnlich erscheint - von sich selbst und der schillernden Position des Therapeuten zwischen Auch-Neurotiker und Lehrer. Jede erzählte Begegnung ist voller tiefgründiger Bilder, aus denen sich, in einem Wechselspiel aus Unterhaltung und Selbsterforschung, ein Film im Kopf des Lesers wie von allein gestaltet. Und so wird sich auch jeder Leser- aus der Mischung von "Drehbuchepisoden" und Geschichten, von Märchen und Betrachtungen - seinen eigenen Film aus diesem Buch machen.

Caroline – Wie sie das Moor lieben lernte
Carolines' Vater war der geachtete Pfarrer des Dorfes gewesen und als Privater und Mann so selbstsicher wie ein dreijähriges Kind. Er war in der Stadt aufgewachsen und hatte dann die Pfarrstelle angenommen im einsamen Dorf am Rande des großen Moores. Alle Mitglieder seiner Gemeinde wussten über die elementaren Zusammenhänge von Bäumen, Wind und Gott weit mehr als er, der sich auf seine städtische Abkunft viel einbildete. Sie wussten genau, wie man auf achtungsvolle Weise mit dem Moor verkehrte oder auf respektlose, auch dass man, zum Beispiel, in gewissen Nächten besser in den Häusern blieb und die Türen verschloss...
Leseprobe_Caroline